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Verstanden

Wer denkt an die Dokumentation durch Pflegekräfte?

Proteste gegen Spahns Pflegegesetz - Lungenärzte sagen trotzdem Ja

Beatmungspatienten sollen demnächst nicht mehr zu Hause, sondern in Pflegeeinrichtungen betreut werden. Das sieht ein Gesetzesentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor. Betroffene sehen damit ihr selbstbestimmtes Leben bedroht und kritisieren, dass „die stationäre Unterbringung in speziellen Einrichtungen für alle Versicherte mit einem besonders hohen Bedarf an medizinischer Behandlungspflege zur Regel gemacht“ werden soll. Gegen das geplante Pflegegesetz haben sie eigens eine Petition auf den Weg gebracht. Auf der Internetseite heißt es: „Lasst Pflegebedürftigen ihr Zuhause! Stoppt das Intensivpflegestärkungsgesetz“. Der Verband der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) sieht das ganz anders und hat sich für das Pflegestärkungsgesetz ausgesprochen.

Betroffene protestieren

Für kräftig Wind sorgte auch Inklusionsaktivist Raul Krauthausen. Er traf Gesundheitsminister Spahn Anfang der Woche beim "Tag der offenen Tür der Bundesregierung" und stellte sich ihm in der Bundespressekonferenz in den Weg. Er forderte die Rücknahme des Entwurfs. Mehr als 100 Protestierende, darunter rund ein Drittel Rollstuhlfahrer sprachen sich ebenso gegen die Pflege-Pläne aus.

Seitdem wird erneut Spahns Vorschlag zum Reha- und Intensivpflegestärkungsgesetz (RISG) kontrovers bundesweit diskutiert. Mit dem Gesetzesentwurf möchte das Ministerium dafür sorgen, dass Beatmungspatienten nach ihrem Krankenhausaufenthalt "besser betreut werden", indem deren Versorgung und Qualitätsstandards erhöht werden sollen. Doch betroffene Patienten protestieren scharf gegen das geplante Gesetz, womit sie ihre Lebensgrundlage bedroht sehen.

Das liegt vor allem an einer Formulierung in dem umfangreichen Papier. Unter dem Punkt "Außerklinische Intensivpflege" heißt es: "Der Anspruch auf außerklinische Intensivpflege besteht in vollstationären Pflegeeinrichtungen (...) oder in einer Wohneinheit“, wodurch die Pflege zu Hause ausgegrenzt wird. Damit könnten Beatmungspatienten, die bislang eine 24-Stunden-Betreuung zu Hause erfuhren, künftig in Pflegeheime verlegt werden.

Betroffene sehen im Gesetzesentwurf keine Verbesserung der Pflegestandards, sondern vor allem eine Maßnahme zur Kosteneinsparung. Sie kritisieren, dass eine 1:1-Pflege in spezialisierten Pflegeeinrichtungen nicht möglich sei, Zuhause hingegen schon.

Beatmungspatienten nutzen Petition

Der Betroffenheitsverband ALS Mobil hatte die Initiative für die Petition ins Leben gerufen. Die Unterzeichner hoffen den Gesundheitsminister zum Umdenken bewegen zu können, auch weil der Gesetzesentwurf die Würde des Menschen antaste.

Innerhalb weniger Tage unterzeichneten bis heute über 62.300 Menschen die Petition. Sie fordern: "Lasst Pflegebedürftigen ihr Zuhause!" Betroffene sollten wählen können, „wo sie leben und gepflegt werden wollen“.

Ausnahmen möglich

Betroffene Kinder sollen, so Spahn, jedoch weiterhin zu Hause gepflegt werden dürfen. Ausnahmen von der Regel sind möglich, wenn eine Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung "nicht möglich oder nicht zumutbar" ist.

Auch für Patienten, die momentan zu Hause betreut werden, soll ein dreijähriger Bestandsschutz gelten. Alle anderen Beatmungspatienten sollen einer Zumutbarkeitsprüfung unterzogen werden.

Betroffenheitsverbände wie ALS Mobil und Abilitywatch kritisieren eine solche Vorgehensweise. Schließlich seien Patienten damit an Sachbearbeiter "ausgeliefert". Auch könne dann eine gewisse Willkür walten. Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung kann den Entwurf ebenso nicht unterstützen und bezeichnete diesen als "leider nur gut gemeint, aber schlecht gemacht".

Unterstützung durch Lungenärzte und Pneumologen

Lungenärzte hingegen begrüßen die Planungen zur Versorgung von Beatmungspatienten. Spahns Gesetzesentwurf folge „weitestgehend den Forderungen der DGP, heißt es in der heutigen Pressemitteilung. Gemeinsam mit dem Verband pneumologischer Kliniken e.V. (VPK) fordern sie darin eine schnelle Umsetzung.

Die DGP hatte sich für eine nachhaltige Änderung der Versorgungsstruktur von intensivpflegebedürftigen Langzeitbeatmeten im ambulanten und auch stationären Bereich stark gemacht. Vor allem hofft sie damit unnötige Beatmungen zu vermeiden, die dem Patienten entscheidende Lebensqualität nehme und das Gesundheitssystem wirtschaftlich stark belaste wie der Verband mitteilt.

Dokumentation statt Patienten

Morgen, am 22. August hat die Pflege Docu Day. Ab dann gibt es "Dokumentation statt Patienten", schreibt Asklepios heute in einer Pressemitteilung. Darin heißt es außerdem: „Bürokratie stresst Pflegepersonal“ sowie „Kostenträger verlangen auch von Pflegekräften immer umfangreichere Dokumentationen“.

Zufolge einer Studie verbringen deutsche Pflegekräfte 36 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Bürokratie und Dokumentation. Umgerechnet auf das Jahr bedeutet dies, dass sie ab dem 22. August theoretisch keinen einzigen Patienten mehr, sondern ausschließlich Papier und elektronische Dokumentationen zu „pflegen“ haben, so die Asklepios-Pressemitteilung.

Mehr Stress für Pflegekräfte

Die zunehmende Dokumentation führe jedoch zu vermehrtem Stress und einer Belastung der Pflegekräfte. „Früher haben Krankenschwestern natürlich auch den Zustand des Patienten und die erbrachten Leistungen dokumentiert“, sagt Thomas Krakau, Leiter Konzernbereich Pflege der Asklepios Kliniken. „Heute, unter Einsatz moderner Computertechnik, ist der Dokumentationsaufwand aber nicht etwa vermindert, sondern aufwendiger geworden, so dass ein Drittel unserer Zeit dafür verloren geht.“

Doch auch der Zeitfaktor beträfe die Pflegekräfte. In einer Asklepios-Umfrage unter 240 Pflegekräften von 2017 lag mit 34 Prozent „zu viel Bürokratie/Dokumentationspflichten“ als Top-Faktor für negativen Stress noch vor „Arbeitsverdichtung“ (33 Prozent) und „zu wenig Zeit pro Patient“ (29 Prozent).

Pflegenotstand und Personalmangel

Vor allem Pflegekräfte, die 50 Jahre oder älter waren, empfanden laut Umfrage, die zunehmende Bürokratie als besonders starken Stressfaktor (42 Prozent). Bei Jüngeren war es nur knapp jede(r) Dritte. „Die Bürokratie macht den Pflegeberuf für viele insgesamt unattraktiv und dürfte zur Verschärfung des Mangels an Pflegekräften beitragen“, vermutet Krakau.

Seit langem wird in Deutschland der Pflegekräftemangel kritisiert. Wie zudem noch bei umfangreicher Dokumentation Beatmungspatienten in ambulanten und stationären Einrichtungen intensiv betreut versorgt werden können, lässt Spahns Entwurf bislang offen. Über die nächsten Monate wird darüber hinweg in den Gremien diskutiert.

(Autorin: Gertrud Maria Vaske)

Datum: 21.08.2019
Rubrik: Service & Wissen
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