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Verstanden

 

Dicke sind bildungsfern und leistungsschwach

Mit diesem und weiteren Vorurteilen kämpfen übergewichtige Menschen, sagt Natilie Rosenke. Als junge Frau bekam sie auf dutzende Bewerbungen mit Foto noch nicht mal eine Absage als Antwort. Das änderte sich schlagartig, als sie auf das Foto verzichtete. Die Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung kämpft seit vielen Jahren gegen Mobbing und Diskriminierung. Im Interview mit health tv erzählt sie von ihren persönlichen Erfahrungen und ihrem politischen Engagement.

Foto: Copyright Rolf Schulten

health tv: Wie haben sich Vorurteile z.B. auf Ihren beruflichen Werdegang ausgewirkt?

Natalie Rosenke: Dicke Kinder bekommen früh vermittelt, dass sie mit ihrem Körper viele Lebensziele nicht erreichen können. Der Traumberuf ist eines davon. Obwohl ich mit sieben Jahren bereits im Chor gesungen und eine klassische Gesangsausbildung durchlaufen habe, ist mir beispielsweise nie der Gedanke gekommen, Sängerin zu werden. Beim Einstieg ins Berufsleben machen dicke Menschen dann oft die Erfahrung, dass die Qualifikation aus dem Bewerbungsfoto und nicht aus dem Lebenslauf abgelesen wird. Das senkt ihre Chancen enorm, weil der dicke Körper mit Eigenschaften wie bildungsfern, leistungsschwach und nicht repräsentabel verbunden wird. Als junge Frau bekam auch ich auf dutzende Bewerbungen mit Foto noch nicht mal eine Absage als Antwort. Das änderte sich schlagartig, als ich auf das Foto verzichtete.

health tv: Wie ist Ihr privates Umfeld mit Ihnen umgegangen? Wie war es in der Familie, im Kindergarten und in der Schule?

Natalie Rosenke: Wir leben in einer Diätkultur mit dem dicken Körper als Feindbild. Er gilt als minderwertig und eigenverschuldet. Ein Motiv, das sich bereits in Kinderbüchern wie „Tom wird dick“ findet. Und das Buch geht noch einen Schritt weiter: Tom wird geschubst, so dass er einen Berg hinunterrollt. Beim Sport wird sogar ein Fuss auf seinem Rücken abgestellt. Wertschätzung erfährt er erst wieder, als er dünn ist. Rückblickend beschreibt das gut, was ich selbst erlebt habe. „Dicke fette Arschboulette“ ist ein Reim, der mich im Kindergarten auf Schritt und Tritt begleitet hat. In der Grundschulzeit wurde ich dann im Schwimmbad verprügelt, weil ich mich verbal gegen Demütigungen dieser Form zur Wehr gesetzt habe.

health tv: Wie haben Sie sich in solchen Situationen gefühlt?

Natalie Rosenke: Dicke Kinder brauchen zwei Dinge ganz besonders: Das Gefühl okay zu sein und geliebt zu werden. Diätet zu werden – ich verwende diese Formulierung ganz bewusst – und mit weiter Kleidung wegkaschiert zu werden, vermitteln dieses Gefühl nicht. Beides sind aber oft ergriffene Maßnahmen in so einer Situation. Ich fühlte mich dadurch wertlos und im Stich gelassen. Jene, die mich drangsalierten, kamen ungestraft davon, ich nicht. Mir wurde die Farbe aus der Kleidung gestohlen, denn Schwarz macht schlank, und mit Moral das Essen versalzen: „Das ist gut, das darfst Du. Das ist böse, das darfst Du nicht.“ Dass ich immer wieder dicht an eine Essstörung herangeführt wurde, sehe ich keinesfalls als Erfolg.

health tv: Sie haben sich schließlich dazu entschieden, sich so zu akzeptieren wie Sie sind. Wie ist Ihnen das gelungen? Haben Sie sich professionelle Hilfe geholt?

Natalie Rosenke: Dafür habe ich mich nicht entscheiden müssen. Ich habe das große Glück, dass ich mit meinem Körper immer ein sehr entspanntes Verhältnis hatte. Er IST, und mehr als das muss er gar nicht sein. Ich konnte und wollte allerdings nicht die abwertenden Blicke akzeptieren, denen er ständig ausgesetzt war. Mein Körper war kein Problem für mich selbst, aber er wurde von außen immer wieder als Problem an mich herangetragen. Dazu gehörte beispielsweise der Satz „Du kannst doch so unmöglich glücklich sein“ - je nach Höflichkeitsgrad anders formuliert. Mein eigenes Erleben wurde ständig angezweifelt, so dass sich meine Welt bis ins Unerträgliche aufspreizte. Ich konnte nicht beschreiben, was geheilt werden musste, aber ich fühlte, dass etwas zerbrach, deshalb bin als Jugendlich in eine psychosomatische Klinik gegangen. Diese Auseinandersetzung mit Selbstbestimmung und Fremdbestimmung war praktisch der Grundstein für meine heutige politische Arbeit.

health tv: Wie ist es heute – wo treffen Sie im Alltag auf Situationen, die Sie ärgern und wo Sie sich Änderungen wünschen? 

Natalie Rosenke: „Wo treffe ich nicht auf solche Situation?“ würde die Liste deutlich verkürzen, denn inklusiv zu denken ist noch immer nicht fester Bestandteil unserer Kultur. Eine Rampe vor dem Geschäft für meine beste Freundin, im ÖPNV eine durchgehende Sitzfläche für mich, also nicht diese zwei Plastikschalensitze nebeneinander mit Absturzspalte fürs Handy dazwischen. Das sind kleine Dinge, die aber maßgeblich dazu beitragen, sich mitgedacht und willkommen zu fühlen.

health tv: Vor Kurzem startete die Antidiskriminierungs-Kampagne #respectmysize – Auslöser war ein Hotel in Cuxhaven, das keine "dicken" Gäste aufnehmen wollte. Zitat der Hotelbesitzerin: "Also ich finde es persönlich diskriminierend, dass ich so einen Anblick ertragen muss – ehrlich gesagt. Und ich weiß, wenn ich dick bin, dass da was nicht stimmt. Und es hat auch nicht jeder was mit der Schilddrüse." Die Initiatorinnen von #respectmysize schreiben sich beleidigende Wörter wie fett, faul, hässlich, undiszipliniert und ekelhaft auf ihre Körper, um auf die Diskriminierung aufmerksam zu machen. Was halten Sie von dieser Kampagne – macht die Gesellschaft für Gewichtsdiskriminierung, deren Vorsitzende Sie sind, da mit?

Natalie Rosenke: Dicke Menschen sind keine homogene Gruppe, insofern braucht es unterschiedliche Angebote, um gemeinsam für einen Platz in der Gesellschaft zu streiten. Kampagnen, die Gewichtsvielfalt sichtbar machen und sich gängigen Vorurteilen entgegenstellen, begrüßen wir als Antidiskriminierungsverband sehr. Ein derart hohes Maß an Sichtbarkeit fordert hochgewichtigen Menschen allerdings viel ab, denn Gewichtsdiskriminierung verschärft sich mit steigendem Körperumfang - das gilt auch in Kommentarspalten. Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn wir auf solche Kampagnen schauen und Teile des Gewichtsspektrums womöglich vermissen.

health tv: Welches Ziel verfolgt die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung?

Natalie Rosenke: Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung ist ein gesellschaftspolitischer Verband mit dem Ziel, die soziale Akzeptanz von dicken Menschen zu verbessern und Diskriminierung auf der Basis von Körpergewicht entgegenzuwirken. Damit dieser gesellschaftliche Wandel vollzogen werden kann, müssen seitens der Politik die Weichen richtig gestellt werden. Es braucht einen gesetzlichen Diskriminierungsschutz, Aktionspläne zur Sensibilisierung der Bevölkerung für Gewichtsdiskriminierung und der Gedanke der Gleichwertigkeit aller Körper, der in Artikel 1 und 3 des Grundgesetzes mitschwingt, muss mit Leben gefüllt werden.

health tv: Welche Erfahrungen haben Sie wegen Ihres Engagements mit Hasskommentaren auf Social Media gemacht?

Natalie Rosenke: Wer sich für Gleichwertigkeit stark macht, ruft jene auf den Plan, die genau das unbedingt verhindern wollen. Denn wird der eigene Wert daraus gespeist, auf bestimmte Gruppen herabzusehen, ist der Gedanke der Gleichwertigkeit eine Bedrohung. Wie ein Feuer muss er schnellstmöglich ausgetreten werden. Die entsprechenden Akteure sind daher gut vernetzt und hoch motiviert. Während einer Aktion unseres Verbandes wurde mein Twitterprofil beispielsweise gezielt mit Hass überzogen. Dabei wurden unterschiedlichste Formen psychischer Gewalt eingesetzt, um mich mundtot zu machen. Zu übelsten Beleidigungen gesellten sich Bildcollagen und kurze Animationen mit einem Bild von meinem Kopf, das einer Talkrunde entnommen worden war.

health tv: Das muss doch unglaublich belastend sein, woher nehmen Sie die Kraft das auszuhalten und sich zu behaupten?

Natalie Rosenke: Manchmal wünsche ich mir, die Antwort auf diese Frage wäre „Abstumpfung“, doch ehrlich gesagt schockiert es mich immer wieder aufs Neue, wie niederträchtig Menschen sein können. Die Antwort liegt damit vermutlich irgendwo zwischen „Jetzt erst recht!“ und „Sie können sich unter Gewichtsdiskriminierung nichts vorstellen? Lesen Sie doch mal auf Twitter bei mir vorbei.“

health tv: Sie haben eine Petition an den Bundestag auf den Weg gebracht – worum geht es, was wollen Sie damit erreichen? 

Natalie Rosenke: Wir fordern einen rechtlichen Schutz vor Gewichtsdiskriminierung: Das Merkmal Gewicht soll in § 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) aufgenommen werden. Gewichtdiskriminierung würde damit in Deutschland rechtlich erstmalig direkt adressiert und als Form der Diskriminierung anerkannt. Das würde die Betroffenen gleich doppelt stärken. Sie könnten sich rechtlich zur Wehr setzen und würden von den staatlich geförderten Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Diskriminierung profitieren, die mit dem Gesetz verknüpft sind. Petitionen, die beim Bundestag eingereicht werden, durchlaufen verschiedene Stationen bevor sie im Petitionsforum erscheinen. Dazu gehören beispielsweise die Anhörung im Ausschuss und eine Stellungnahme des zuständigen Ministeriums. Wir gehen daher davon aus, dass die Petition erst nach der Sommerpause für die Abstimmung freigeschaltet wird.

health tv: Herzlichen Dank an Natalie Rosenke. Wir wünschen weiterhin viel Kraft und Erfolg im Kampf gegen die Gewichtsdiskriminierung. Und bleiben Sie gesund!
 

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Datum: 13.07.2020
Rubrik: Talk
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