Pralles Leben

Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen

Dickes Kind – doppeltes Leid: wenn Krankheiten und Mobbing die Kindheit überschatten

11.03.2021 von health TV

Sorgenkinder: als Pummel gehänselt und von Krankheiten, wie hohem Blutdruck, Stoffwechselstörungen oder Diabetes Typ 2 betroffen – dadurch leiden adipöse Jugendliche oft doppelt. Ein Teufelskreis, der sich auch im Erwachsenenalter nicht automatisch „auswächst“ und Lebensfreude, wie auch Lebenserwartung, entscheidend beeinträchtigen kann.

Gäste

Dr. Joachim Peitz, Kinderarzt und Kinderendokrinologe, medizinische Leitung des Adipositas Zentrums der Asklepios Klinik Sankt Augustin

Hannes Schwabe, ehemaliger Betroffener, wog mit 17 Jahren 165 kg

Zitate

Hannes: „Und dann hat mir mein Arzt gesagt, `Herr Schwabe, wenn Sie so weitermachen, dann haben Sie mit 25 Ihren ersten Herzinfarkt`- da hat es dann Klick gemacht.“

„Ich wurde auch schon aus wurde auch schon aus einer Achterbahn wieder rausgeschmissen, weil der Bügel nicht mehr geschlossen hat. Da heißt es dann nur schnell raus und weg, damit man nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.“

Dr. Peitz: „Es gibt Daten aus Amerika, dass Kinder, die frühzeitig und über lange Zeiten massiv adipös sind, die große Chance haben, vor ihren Eltern zu sterben. Also nicht mein Vater wird 75, und ich werde nur 70, sondern mein Vater steht draußen wenn ich in der Kiste liegen. Und das sage ich den Eltern auch oftmals.“

„Ein Würfelzucker gibt uns die Kraft für ungefähr neunhundert Schritte. Das heißt, ein Liter Cola gibt mir die Kraft, einen Halbmarathon zu laufen. Leider vergessen die meisten, wenn sie den Liter Cola getrunken haben, danach den Halbmarathon zu laufen.“


Die wichtigsten Fragen und Antworten:

1. Ab wann ist ein Kind adipös?

Dr. Joachim Peitz: Bei Kindern gibt es Perzentilenkurven (BMI-Referenzkurven) Und da ist es so, dass man ab der 90. Perzentile bei Kindern von Übergewicht spricht, ab der 97. Perzentile von Adipositas und ab der 99,5 von extremer Adipositas. Und das sind die Kinder, um die wir uns ganz besonders Sorgen machen müssen. Wenn ein Kind z.B. zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr über 99,5 auf der Perzentile liegt, dann hat das eine schlechtere Chance, das 40. Lebensjahr zu erreichen als z.B. ein Kind, das im selben Zeitraum eine akute lymphatische Leukämie bekommt.

2. Hannes, was war zurückblickend bei dir der Grund für deine enorme Gewichtszunahme? Wurdest du deswegen auch gemobbt in der Schule?

Hannes Schwabe: Ich glaube, dick bin ich geworden, weil ich gern gegessen habe. Und wirklich adipös geworden bin ich dann wegen diesem Teufelskreis, den ich dann nicht mehr durchbrechen konnte, ab einem bestimmten Punkt. Es wurdeimmer mehr und ließ sich irgendwann nicht mehr stoppen. Als dickes Kind oder Jugendlicher bist du in dem sozialen Umfeld Schule komplett außen vor in den meisten Fällen. Das Mobbing ging über Worte – manchmal bekam ich auch einfach einen Schlag auf den Hinterkopf.

3. Gab es da einen Knackpunkt, wo du gesagt hast Jetzt reicht's?

Hannes Schwabe: Ja, mit 20, da hat mein Arzt gesagt: „Herr Schwabe, wenn Sie so weitermachen, dann haben Sie mit 25 Ihren ersten Herzinfarkt“ Da hat es Klick gemacht. Ich bin dann auch noch umgezogen, habe einen Neuanfang versucht. Das dann auch funktioniert. Und eines ist klar: wenn man dann abnimmt, dann wird man anders behandelt und auch das soziale Leben wird deutlich einfacher - so traurig das ist.

4. Wie entscheidend ist denn die Rolle der Eltern da?

Dr. Joachim Peitz: „Je kleiner die Kinder sind, desto mehr muss der Schalter bei den Eltern klicken. „Wenn wir es schaffen, dass die Mutter abnimmt, nimmt auch das Kind ab.“ „Das heißt, wenn der Papa mit dem Cola Kasten nach Hause kommt und direkt erst einmal eine Flasche Cola trinkt, wenn er nach Hause kommt, und dann die Chips schon auf dem Tisch stehen für den Fernsehabend, dann ist das natürlich auch eine große Verlockung für die Kinder. Man kann einem Kind natürlich nicht sagen: du darfst das nicht, aber der Papa schon.“

Hannes Schwabe: Meine Eltern waren bei mir nie das Problem. Entscheidend war die Phase, als es mit dieser „Beschaffungskriminalität“ losging, und ich mir zusätzlich außerhalb von zu Hause Chips oder Schokolade geholt habe. So eine Tüte Chips hat dann halt mal eben tausend Kalorien, die da reingehen und mit fehlender Bewegung ja, kann man sich ja vorstellen, wie schnell das dann in die Höhe schießt.

Message: Erwachsene und Eltern sind Vorbilder – auch in Sachen Ernährung und Bewegung. Selten ist die Mutter gertenschlank und das Kind übergewichtig. Greift der Vater zur XXL-Eiscremepackung, kann man dem Kind die Karotte oder den Haferkeks nicht schmackhaft machen. Man kann sich Hilfe holen, beim Kinderarzt, Schulpsychologen oder Familienprogrammen zur Ernährungsschulung, wie KIDS (www.kids-ernaehrung.de).

 

KIDS (Schulungsprogramm für übergewichtige Kinder)

Übergewicht vorbeugen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

 

Weitere Folge zum Thema:

Pralles Leben - Bewältigungsstrategien für Übergewichtige

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